Zuflucht der Dunklen Bruderschaft
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Ära des Zwists, Teil IV

Anfangs waren die Wände glatt. Doch als sie langsam tiefer kamen, bemerkte Temlaa, dass die Beschaffenheit sich änderte. Die Farbtöne waren schwarz, silbrig und grau, und in zunehmenden Maße wurden dünne, fadenartige Wirbel sichtbar. Temlaa strich mit den Fingern darüber. Sie waren glatt, wie Ranken, und für den Bruchteil eines Augenblicks hätte Temlaa schwören können, dass er... Leben in ihnen spürte. Leben? In Gestein? Wie sollte das möglich sein? Aber andererseits war dies eine Hinterlassenschaft der Ihan-rii. Wer wusste schon, was möglich war, wenn sie darin verwickelt waren? Er schauderte, während sie ihren Abstieg fortsetzten und es stetig kälter wurde.

Temlaa nahm einen schwachen, tiefen Ton wahr, der vibrierend über seine Knochen strich. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass er ihn schon seit einer ganzen Weile hörte, aber er glich seinem inzwischen rasenden Herzschlag, sodass er ihn nicht als Geräusch, das von aussen kam, erkannt hatte.

Die Treppe machte eine Kehre und mündete dann ohne Vorwarnung in Dunkelheit. Das Licht der in die geäderten Wände eingebetteten Edelsteine schien hier aufzuhören. Temlaa und Savassan blieben stehen. Temlaa spürte, wie Luft ihn sanft umspielte, und das verriet ihm, dass vor ihnen ein weiter, offener Bereich liegen musste. Offen? So tief unter der Oberfläche? Wie groß war dieser Ort?
Savassan zögerte nur einen Moment lang, dann setzte er den Fuß auf die letzte Stufe.

Das Licht glomm auf wie in einer beschleunigten Morgendämmerung, ein sanftes Weiß, das einen Kontrast zu dem juwelenartigen Schimmer bildete, der die Treppe beleuchtet hatte.
Der Bereich, der sich vor ihnen auftat, war weit, die Luft kühl, sanft und rein. Steinformationen ragten aus einem künstlich geglätteten Boden auf, nicht grob und klingenartig, sondern poliert und behauen. Darin eingebettet waren kleine, blinkende Edelsteine in vielerlei Farben. Das weiche weiße Licht kam direkt aus der Decke. Sie leuchtete, als würde sie von oben beschienen.

Temlaa war zutiefst gerührt. Alles schien im Gleichgewicht zu sein – die natürlichen Farben von Stein und Erde verschmolzen mit Metallen, Juwelen und anderen Substanzen, die offenkundig von den Ihan-rii hierher gebracht worden waren. Alles hier unten war perfekt konserviert worden. Nicht war dem Wind, dem Sand, dem Wasser oder den hasserfüllten Händen von Protoss-Stämmen ausgesetzt gewesen, die entschlossen waren, auszulöschen, was sie nicht verstanden.

Temlaa dachte an die Welt an der Oberfläche, die Welt, die bis vor ein paar Augenblicken noch die einzige gewesen war, die er gekannt hatte. Mit einem Anflug von Demut dachte er an die Hütten, die kaum mehr waren als Stöcke, die von getrockneten Schlamm zusammengehalten wurden und mit Häuten und Blättern bedeckt waren. Er dachte an ihre Werkzeuge, ihre Waffen und die Muster, mit denen sie ihre Körper schmückten. Er dachte an die Halsketten aus Knochen, Muscheln und Steinen, von seinem Volk mit Sorgfalt gearbeitet, und daran, dass er sie einst schön gefunden hatte.
Auf gewisse Weise waren sie das immer noch. Aber nichts, was er je an der Oberfläche gesehen hatte, nicht einmal die traurigerweise beschädigten Relikte der Ihan-rii selbst, hatte ihn auf das hier vorbereitet. Und irgendwie spürte Temlaa, dass er bislang nur einen kleinen Teil der Schönheiten gesehen hatte, die hier verborgen waren, sicher verwahrt, und warteten.

Darauf warteten, wieder gefunden zu werden von jemandem, der wenigstens versuchen würde, sie zu verstehen. Er wusste, dass er die oberirdische Welt nie wieder so sehen würde wie bisher.
Savassan trat nun vor und blieb neben einer der Säulen stehen, die einst natürlich entstandener Stein gewesen war. Er besah sich die Juwelen und winkte Temlaa zu sich. Temlaa eilte zu ihm.
"Siehst du das=", fragte Savassan seinen Schüler.
Und diesmal sah Temlaa es. In die Säule eingelassen war ein nunmehr vertrautes Rechteck aus Edelsteinen, de allesamt schwach leuchteten. Temlaa hob eine Hand um das Ara'dor nachzufahren.
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Jeder Edelstein begann in einer veränderten, sanfteren Version jenes Gesangs zn summen, den die Khaydarin-Kristalle an der Oberfläche angestimmt hatten. Temlaa berührte den letzten Stein. Der Gesang schwoll an, und für einen Augenblick erstrahlten die Juwelen, ehe sie wieder ihren vorherigen gedämpften Schimmer annahmen. Ein leises Summen veranlasste die beiden Protoss, sich umzudrehen. Auf der gegenüberliegenden Wand erschien eine leuchtende Linie, und Temlaa kannte ihre Proportionen. Die Linie bewegte sich sehr schnell, bildete ein Rechteck, leuchtete auf und verging dann. Im nächsten Moment bewegte sich das umrissene Rechteck mit einem dumpfen, knirschenden Geräusch nach links, und eine flache Plattform schob sich in den Raum. Auf der Plattform lagen – glänzend, von schlangenartigen Ranken umschlungen und durchwirkt – sechs Körper. Die wunderbare Welt aus Träumen und Summen und leuchtender, strahlender Perfektion hatte sich soeben in einen Alptraum verwandelt.

Abscheu und Schrecken platzten aus Temlaa heraus und trafen Savassan so wuchtig, dass der andere Protoss ins Taumeln geriet. Temlaa selbst stürzte schwer auf den steineren Boden und machte sich daran, auf allen vieren die Treppe hochzukrabbeln, zurück zur Oberfläche der Welt, die er kannte und verstand, fort von diesem Geheimnis, das sie nie hätten finden sollen...

Savassans Hand an seinem Fußknöchel veranlasste ihn, abermals geistig aufzuschreien, und es dauerte ein paar Sekunden, bis die besänftigenden Gedanken des älteren Shelak Temlaa's von Angst umnebeltes Gehirn durchdrangen. "Sie sind schon lange tot, Temlaa. Sie werden uns nichts tun. Lange tot, trocken wie Gras. Hier gibt es nichts zu fürchten."

Temlaa war keineswegs beruhigt. Warum waren die toten Protoss hier? Er ging zurück, langsam, nervös. Die Luft hier war, obschon atembar, sehr trocken. Sie war nicht wie die Luft an der Oberfläche oder auch nur die in einem normalen Höhlensystem. Der unnatürliche Mangel an Feuchtigkeit bedeutete, dass die Protoss nicht verwest, sondern ausgedörrt waren. Temlaa glaubte, dass sie, hätte er sie berührt, unter seinen Fingern zu Staub zerbröselt wären.
Sie hielten kurz inne und ehrten die Toten. Savassan sah sich um und streckte deutend einen Finger aus. Dieser Raum, so groß er auch sein mochte, war nicht der einzige. Ovale Tunnel, jeder vollkommen in seiner Unvollkommenheit, führten in fünf Richtungen davon.

Temlaa wühlte in der Tasche an seiner Hüfte und fand ein Stück Holzkohle. Er kniete sich hin und malte eine Markierung auf den Boden, dann stand er auf und besah sich die Tunnel.
"Woher sollen wir wissen, wohin wir müssen?" Abermals staunte Temlaa über die Größe, die Komplexität und die Schönheit dieses Ortes. Jahrhundertelang hatte er hier gelegen, unberührt, seit die Wanderer von Afar Aiur verlassen hatten – bis jetzt. Niemand kannte ihn. Niemand erinnerte sich daran. Niemand vermutete ihn auch nur hier.

Hatte je ein Protoss davon gewusst? War dieser Ort vergessen oder nie entdeckt worden? Und wirklich, woher sollten sie wissen, wohin sie mussten?
Savassan wog ihre Möglichkeiten ab. "Hier gibt es mehr Rätsel, als wir im ganzen Leben ergründen könnten", sandte er. "Wir haben eines davon gelöst... das Ara'dor. Aber ich nehme an, dass dies eines von vielleicht Tausenden von Geheimnissen ist, die dieser Ort birgt. Wir sollten uns auf dieses eine konzentrieren. Folge dem Ara'dor, Temlaa."

Temlaa nickte. Er besah sich die Lage der Höhle und zeigte auf den Tunnel, der am besten in die Anordnung zu passen schien. Die beiden Protoss gelangten in einen anderen Raum, der fast genauso aussah wie der erste. Der einzige Unterschied bestand darin, dass das Herzschlaggeräusch zunahm. Temlaa brachte eine weitere Bodenmarkierung an. Sie schauten sich um, sahen weitere Tunnel und setzten ihren Weg fort. Temlaa hinterließ alle paar Schritte eine Markierung. Immer wieder sah er über die Schulter nach hinten, als könnten die Geister dieser längst toten Protoss ihnen nachfolgen und die Wegmarkierungen auslöschen, damit die lebenden Eindringlinge sich den toten Bewohnern bald anschlossen. Savassan sah ihn belustigt an. "Du machst dir selbst Angst, Temlaa, und das ganze ohne Grund", schalt er ihn, und Temlaa zog beschämt den Kopf ein.

Das Geräusch wurde mit jeder Entscheidung, die sie spiralförmig tiefer nach innen führte, lauter, bis sie schließlich den letzten Raum betraten. Die Decke wölbte sich halbkugelförmig über ihnen. Das Rankengeflecht, das die sechs ausgetrockneten Toten umhüllt hatte baumelte nun hoch über ihnen, aber auch um sie herum. Hier drinnen gab es keine Toten, die Plattformen war leer. Doch in der Mitte befand sich – schwebend und sich langsam auf und ab bewegend, und das ohne Zweifel seit Jahrtausenden – der größte, vollkommenste Kristall, den Temlaa je gesehen hatte. Er pulsierte, während er sich träge bewegte, und Temlaa stellte fest, dass dies die Quelle des Herzschlaggeräuschs war.

Für einen Moment vergaß er seine Angst, blickte den Kristall nur gespannt an, seiner strahlenden Schönheit und perfekten Form schier verfallen. Er betrachtete die Facetten, ihr perfektes Verhältnis zueinander, und hatte das Gefühl, als seien er und Savassan verwandt mit den vor Langem verschwundenen Wanderern von Afar, die Einzigen auf dieser verlassenen Welt, die ein wenigstens ein paar ihrer Geheimnisse verstanden.

Oder auch nur wussten, dass es hier überhaupt Geheimnisse gab.

 
   
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